Für alle statt für wenige


«Wir müssen wieder lernen, ohne Vorurteile auf Menschen zuzugehen»

Von gbrauchle, 25. Februar 2021

Am 7. März wird über die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» abgestimmt. Die SP-Kantonsrätin Andrea Schöb erläutert im Interview, weshalb eine allfällige Annahme dieser Initiative Angst und Unsicherheit schürt. Und sie sagt, dass es den Initianten um eine Ausgrenzung einer bestimmten Gruppe geht. Doch Andrea Schöb geht davon aus, dass die Initiative durch das Stimmvolk angenommen wird.

Abstimmung Frau Schöb, die Burka gilt als Symbol der Unterdrückung von Frauen. Wieso stimmen Sie am 7. März gegen die Initiative «Ja zum Verhüllungsverbot»?

Abstimmung Andrea Schöb: Für mich ist die Burka kein Symbol der Unterdrückung. Sie ist eine muslimische Verschleierung und gehört nebst der Hi-jab, dem Chador und der Niqab zu diesem Glauben. In der Schweiz gibt es weniger als 50 Niqabträgerinnen. Wir haben in der Schweiz 8,57 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen. Dies ergibt also ein Prozentsatz von 0,0005 Prozent, welche einen Niqab tragen. Burkaträgerinnen, also Frauen, die eine Vollverschleierung tragen, sind in der Schweiz eine Ausnahme. Feministische Themen haben bei der SP einen hohen Stellenwert. Wie schwierig ist bei dieser Abstimmung für die Partei der Spagat zwischen gesellschaftlicher Offenheit und der Stärkung der Frauenrechte, in diesem Fall von Burkaträgerinnen?

Die SP macht sich stark für Frauenthemen wie Gleichstellung, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, um nur einige zu nennen. In diesem Gesetz geht es nur vordergründig um die Selbstbestimmung der Frauen. Diese Frau-en bekennen sich zu ihrem Glauben, mit allem was dazu gehört. Letztendlich geht es den Initianten um die Ausgrenzung einer Gruppe. Nämlich die der Muslime, die hier unerwünscht sind. Und das ist meiner Meinung nach überhaupt nicht im Sinne einer offenen Gesellschaft. Dass das Tragen einer Burka in Bezug auf die gesellschaftliche Integration kein gutes Zeichen ist, das bestreiten wohl die Wenigsten. Wie würden Sie diese Thematik stattdessen angehen?

Dem kann ich so nicht zustimmen. Was heisst schon «kein gutes Zeichen»? Oder ist da eher das Argument der «Terrorabwehr» der Initianten gemeint? Letzteres wäre für mich nämlich völlig aus der Luft gegriffen und trägt lediglich zur Rassismus-Hetze bei. Eher wirft das Tragen einer Burka Fragen bezüglich einer gelungenen Integration auf?

Die Frage ist doch: Habe ich Vorurteile, nur weil mich jemand durch sein Äusseres irgendwie an irgendetwas erinnert? Ich glaube, wir müssen wieder lernen, ohne Vorurteile auf die Menschen zuzugehen. Egal woher sie kommen und was sie tun. Das ist für mich ein Ansatz. Wie eingangs erwähnt, gibt es in der Schweiz weniger als 50 Niqabträgerinnen. Das Thema ist mit einer Glaubensrichtung verbunden. Diese gilt es zu akzeptieren und auch zu respektieren. Also müssen wir es Ihrer Meinung nach respektieren, wenn die Ausübung des Glaubens eine Vollverschleierung mit sich bringt?

Wie gesagt, ist die Vollverschleierung eine absolute Randerscheinung in der Schweiz. Ja, müssen wir. Wir respektieren im Christentum auch, dass sich unsere Nonnen verschleiern. Der Habit oder die Kukulle unserer Glaubensschwestern, mit der Kopfbedeckung Velan kann dem Chador gleichgestellt werden. Wo ist da der Unterschied? Wie stehen Sie zum Gegenvorschlag, wonach zur offiziellen Identifikation, beispielsweise bei Amtsgängen, eine Gesichtsverhüllung verboten ist?

Damit bin ich einverstanden. Eine Gesichts-Identifikation mit der Burka ist nicht möglich. Dies muss jedoch vorgängig kommuniziert und mit der entsprechenden Diskretion behandelt werden. Aber wie gesagt, es betrifft lediglich 0,0005 Prozent der Bevölkerung. In den Meinungsumfragen kommt die Initiative derzeit gut an. Wie realistisch ist ein Meinungsumschwung vor dem 7. März?

Dieser wird nicht stattfinden. Leider! Meiner Meinung nach hat sich das Stimmvolk zu sehr für den Aspekt der rassistischen Hetze einspannen lassen, der notabene Angst und Unsicherheit schürt.

Von Marino Walser

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